Rieselfahrt
Erstellt von duftbaeumchen am Donnerstag 21. Dezember 2006
Mittwochs ist bekanntlich Sport.
Wie ich so zur Straßenbahnhaltestelle komme und nach Schwester K. Ausschau halte, spricht mich ein Mann an. Parka, grauer Anderthalb-Tage-Bart, noch weniger Haupthaar als ich, geschätzt Mitte vierzig.
Ob ich in der Tram ein Ticket lösen müßte oder eine Monatskarte hätte, will er wissen.
Da ich kein Monats-Abo mein Eigen nenne bietet er mir an, mich mitzunehmen. Für einen Euro. Er erklärt mir, daß er gerade einen Fahrgast “nach Hause” gebracht hat, eine Monatskarte besitzt und selbige die Möglichkeit bietet, ab einer bestimmten Uhrzeit weitere Personen kostenfrei mitzunehmen. Und damit möchte er anderen Benutzern des ÖNV etwas Gutes tun.
Zwischenzeitlich ist auch Schwester K. eingetroffen und wir bilden sozusagen eine Fahrgemeinschaft auf Gegenseitigkeit.
Wir sparen also jeder 80 Cent.
Auf der Fahrt erzählt uns Wolfgang seine Beweggründe.
Er leitete während der Fußball-WM im Sommer als “freizeitlicher” Stadtführer kostengünstig Gäste durch Leipzig und ist seitdem dabei, diese “Geschäftsidee” weiterzuentwickeln. Er fährt also mehrmals in der Woche für zwei/ drei Stunden mit der Tram einfach so hin und her, spricht dabei Fahrgäste an und nimmt sie für einen kleinen Obulus mit von A nach B. Oder nach C. Mittlerweile hat er einige Stammkunden und für Wenig-Redner sogar eine aktuelle Tageszeitung dabei.
Doch warum macht er das? Wolfgang möchte neue Leute kennenlernen, sich unterhalten, Studien im Rahmen seines Hobbys betreiben. Psychologie.
Und den aus DDR-Zeiten bekannten menschlichen Zusammenhalt fördern.
Da wir uns diesem Fördergedanken nicht verschließen wollen, haben wir auch gleich einen Termin für die nächste Fahrt ausgemacht. Mal sehen, ob er uns abholt.
***
Die 80 Cent haben übrigens nicht lange überlebt. Schwester K. hat dafür Rieselgut gekauft.
Rieselgut?
Ja, die Frage habe ich der Kassiererin in einem großen innerstädtischen Kaufhaus in meiner bekannt liebevollen Art auch gestellt.
Doch das war wohl keine so gute Idee. Schon gar nicht kurz vor Weihnachten. Eher unwirsch und mit Blick auf die nicht enden wollende Menschenschlange nach uns blockte sie meine Äußerungen bezüglich der amüsanten Bezeichnung für gemeines “Haribo-Gummizeugs-zum-Selberzusammenstellen” ab.
Uiuiui, Madame war wohl etwas gereizt.
Ich entschuldigte mich natürlich sofort, daß ich um diese Zeit überhaupt noch etwas einkaufen wollte; schließlich war es bereits kurz nach halb acht.
Doch das hat sie schon gar nicht mehr mitbekommen.
Nächster Kunde!




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Donnerstag 21. Dezember 2006 um 17:31
das geschäftsprinzip kenn ich von der bahn
wenn ich nach hamburg will stell ich mich in der nähe des tiketautomaten auf und mit sicherheit kommt dann einer mit einem familientiket und ich darf für 5 euro mitfahren. die machen das schon lange professionell. fahren immer hin und her, sehr klasse und extrem günstig.
übrigens…ich war bei der post
Freitag 22. Dezember 2006 um 08:19
(sing)Ich bin die Christel von der Pooost… Na Du bist ja ne ganz Gute.
Wir haben während der Fahrt bereits überlegt, ob man das nicht ganz professionell aufziehen kann. So mit bestimmten Erkennungsmerkmalen (rotes Blinkelämpchen auf dem Kopf, hellgrüner Schal um den Bauch oder eine schwarz-weiß-karierte Augenklappe) vielleicht. Aber dann halten uns andere Passanten eventuell für Überbleibsel des letzten Karnevals und nehmen uns nicht ernst.
‘ne Uniform hätte natürlich auch was…