Es kommt selten vor, aber ab und zu erfährt meine Gehhilfe eine Dusche.
Die Waschanlage selber bereit mir dabei die wenigsten Sorgen. Auto rein, Mensch raus, Karte rein, Waschen und Fönen, Mensch rein, Auto wieder raus – fertig. Theoretisch.
Bei näherer Inaugenscheinnahme des Ergebnisses wird der geneigte Leser zustimmen, daß dies nur Theorie sein kann. Dunkle Theorie. Beim “Nacharbeiten” wird nämlich ersichtlich, wo die Bürsten überall Kontakt zum Fahrzeug bekommen. Und vor allem, wo nicht. Rein technisch gesehen ist es gar nicht möglich, am Ende des Reinigungsvorganges ein nur halbwegs sauberes Auto in Empfang zu nehmen.
Jetzt kommt der Mensch ins Spiel. Also ich.
Eigentlich habe ich ja anderes zu tun, aber einen Chauffeur kann ich mir nun mal nicht leisten. Der hätte Zeit für sowas.
Die kühnen Autoerbauer entwickeln die Kisten extra so, daß sie in einer Waschanlage gar nicht sauber werden können. Wahrscheinlich existieren Geheimverträge zwischen den Entwicklungsabteilungen und dem Reinigungsmittelgewerbe. Anders ist für mich nämlich nicht zu erklären, warum z.B. zwischen Frontscheibe und Dach eine ca. 4 mm breite Nut (Dehnungsfuge?) eingearbeitet wurde, aus welcher sich dort verfangene und qualvoll zugrunde gegangene Fluginsekten nur schwerlich entfernen lassen. Die Waschanlagenbürste hat da erst recht keine Chance. Somit bleibt nur, mit Spezialwerkzeug – mit Putzlappenrest umwickelt Parkuhr – bis in diese verborgenen Regionen vorzudringen. Und so gibt es noch eine Reihe von Schmutzverstecken, die mühsam händisch verarztet werden müssen.
Im Innenraum sieht es da nicht besser aus.
Solange man nicht mit Fingern oder anderen Extremitäten auf dem Armaturenbrett “‘rumspielt”, verhält sich eine kontinuierlich gewachsene Staubschicht auf anthrazitenem Untergrund recht unauffällig. Die beiden mögen sich eben.
Doch eine unbedachte Bewegung kann diese Harmonie jäh aus dem Gleichgewicht bringen.
Sofort sieht man, daß der Set Designer eigentlich mit einem dunkleren Farbton sympathisierte, als er seine Entwürfe für’s Fließband freigab. So schnell bleicht ein Armaturenbrett dann doch nicht aus.
Ergo, auch hier scheint eine Auffrischung des Originalzustandes empfehlenswert.
Dafür stellt die Kraftfahrzeuginnenraumreinigungsmittelindustrie eine Vielzahl von Wunder- und Nichtwundermitteln zur Verfügung. Vor Wochen bereits entschied ich mich, dem deutschen Wirtschaftsaufschwung meine Hilfe anzubieten und selbigem unterstützend unter die Arme zu greifen.
Ich erwarb eine Jumbo-Dose “Cockpitspray” (mit Vanille-Geschmack) – wiewohl mich der Name doch geringfügig irritierte. Ein Flugzeug habe ich nämlich nicht. Da sich aber besagte Dose bei den Kfz-Pflegeprodukten aufhielt, dachte ich mir, was im Flugzeug funktoniert, sollte auch für ein Auto nicht schädlich sein. Diese Annahme stellte sich auch später als wahr heraus.
Doch zurück zum Reinigungsvorgang.
Grob befreite ich die großen und weniger großen Flächen, Fugen und Schalter vom anhaftenden Staub und brachte das Flugzeugspray zum Einsatz.
Vorsorglich machte ich mit der Bedienungsvorschrift vertraut. Gut so. Sonst hätte ich womöglich den Fehler meines Lebens begangen und das Zeug einfach so auf das Armaturenbrett gesprüht. Dies sieht zwar die Gebrauchsanleitung so vor, macht aber sofort eine entscheidende Einschränkung.
“Nicht auf Scheiben, Armaturengläser, Lenkrad, Pedale oder Sitzflächen sprühen.”
Na das war knapp. Dummerweise werden Innenverkleidung und Instrumententafel an recht vielen Stellen von Glasscheiben, Lenkrädern und Sitzflächen begrenzt. Zweitens weiß ein Aerosol nicht, daß es – kaum hat es den Sprühkopf verlassen – zügig zu Boden, respektive auf die zu benetzenden Oberflächen zu fallen hat.
Schlimmer noch. Es fliegt viel lieber ein wenig herum, schaut sich die Welt an und setzt sich dort zur Ruhe, wo es der Wind hinträgt. Beispielsweise auf die Scheibe. Die erblindet dann bestimmt. Was anderes macht auch keinen Sinn.
Das Risiko war mir zu groß.
Letztlich bleibt nur die Möglichkeit, Variante 2 der Anleitung zu folgen und das Elixier auf einen Lappen zu sprühen, um damit den Innenraum zu behandeln. Ist zwar nicht ganz so effektiv, verlängert den Reinigungsvorgang nur umwesentlich, geht aber auch.
Daß der Sprühkopf gleich bei der zweiten Betätigung seinen Halt verlor und ziemlich mittig unter das Auto kullerte, bemerke ich hier nur am Rande. Wäre ein Gullideckel mit Loch in der Nähe gewesen, hätte ich ihn sicher für immer aus den Augen verloren und damit die – eigentlich noch fast volle – Jumbo-Dose dem Recyclingsystem zuführen können.
Ach nee, geht ja nicht:
“Nur völlig entleerte Dose Wertsoffsammlung übergeben.“
Aber ohne Sprühkopf?! Egal. Ich hatte ja nochmal Glück.
Ein zufälligerweise auffindbares Geldstück passender Größe gestattete es mir sogar noch, Polster und den Fußraum von Fusseln und Geröll zu befreien. Ein Gefühl von Freiheit und Abenteuer durchströmte meinen Körper, als ich dann den Staubsaugerrüssel in den Händen hielt. “Jetzt beherrsche ich die Welt.”, sagte ich mir und ging flugs an die Arbeit. Wie nicht anders zu erwarten, schaltete das Gerät kurz vor Vollendung des letzten Sitzes ab. Da ich eigentlich Kartenzahler und noch nicht so geübt in Kfz-Reinigung bin, hatte ich natürlich kein weiteres Kleingeld einstecken. Gut, dann bleibt er eben krümelig. Ich sitze ja selten hinten; zumindest während der Fahrt.
Dafür duftet es ein wenig wie Weihnachten. Auch ohne Duftbäumchen.
“Aus allen Lagen sprühbar – nicht waagerecht.“