Da sitze ich beim donnerstäglichen Abendessen bei meinen Eltern und lese dabei Zeitung. Ich weiß, man soll sich auf’s Essen konzentrieren und nicht anderweitig ablenken lassen, aber das ist seit Jahren so drin; das geht nun mal nicht anders.
Nebenbei verfolge ich das Fernsehprogramm.
Der Mann – das multitaskingfähige Wesen.
A propos ablenken.
Von irgendwoher kommen plötzlich seltsame Geräusche.
Es klingt, als stünde vor dem Haus so ein jugendlicher Rotzer, der mit weit geöffneten Fenstern in seinem Auto auf seine Freundin wartet.
Und dabei “Mann im Mond” von den Prinzen hört.
Die Musik wird lauter.
Vorsichtshalber gehe ich zum Fenster und schaue verstohlen auf die dunkle Nebenstraßenkreuzung. In der Ferne ist ein rhythmisches Blitzen zu erspähen, sonst nichts. Kein Fenster offen, kein Kraftverkehr.
Das Blitzen nähert sich und hält vor der Kreuzung an.
Aha, da hat wohl bereits jemand die Polizei gerufen, um der Sache auf den Grund zu gehen.
Ein Polizist steigt aus, schleicht um das Fahrzeug herum und beobachtet die Fenster der anliegenden Gebäude.
Damit hat sich die Sache für mich erledigt.
Unsere Schutz- und Sicherheitsorgane werden sich schon darum kümmern und der Ruhestörung Einhalt gebieten. Schließlich habe ich wichtigeres zu tun, als nun stundenlang am Fenster zu verharren und die Szenerie zu beobachten.
Es wird noch lauter.
Menschenskinder. Hat denn niemand einen Felsbrocken oder eine Panzerfaust, um den Lärm abzustellen?
Der königliche “Mann im Mond” wurde mittlerweile durch “Laterne, Laterne. Sonne, Mond und Sterne” abgelöst und ist mittlerweile glasklar auch durch dicke Wände zu vernehmen.
Ich muß noch mal zum Ausguck.
Na sieh mal an. Innerhalb weniger Minuten hat sich die Kreuzung mit Menschen gefüllt.
Mit vorwiegend kleinen Menschen. Sehr kleinen.
Alle schwenken so komische Lichter in der Hand. Im Gewimmel ist sogar ein bunt beleuchteter Regenschirm auszumachen. Ach, was für ein Spaß.
Und die Polizei steht nur da und guckt zu.
Als ob das so sein müßte.
Offensichtlich mußte es.
Laternenumzug. Mit Endstation direkt vorm Haus.
Und die Maxiversion von “Aba Heidschi bumbeidschi” bildet den akustischen Abschluß der Veranstaltung.
Seeehr schön.
Das paßt gut zu den Tagesnachrichten im Fernsehen, denen ich mich mittlerweile wieder widme.
Plötzlich ist Stille.
Wahrscheinlich haben sich die beiden Bullemannzeier doch durchsetzen können und die Veranstaltung rigoros aufgelöst.
So langsam und lautstark wie sich der Trek näherte, so schnell und leise war er verschwunden. Einfach weg.
Warum legt man derartige Massenaufläufe auf die Abendzeit, wenn sich die arbeitende Bevölkerung enstpannen und für den nächsten Tag rüsten will? Mittags hätte mich das nicht im Geringsten gestört. Aber abends…
Ich finde, ein Lichterumzug ist um diese Tageszeit ziemlich zweckfrei.
Bei der Dunkelheit sieht man die Laternen doch gar nicht.