Duftbäumchens Logbuch

mit System Anti-Verblassen

hohe Zeiten

Erstellt von duftbaeumchen am Montag 7. Juli 2008

Fünf nach Fünf läuten die Glocken der Leipziger Thomaskirche. Das Auditorium amüsiert sich.

Nicht, weil der Pfarrer einen Schwank aus seiner Jugendzeit zum Besten gab, sondern weil sich die Braut dem Protokoll gehorchend nach Besiegelung der Lebensgemeinschaft lieber wieder setzen als mit dem Gatten knutschen will.

Muß ja auch nicht.

Wir singen lieber. Die Art und Weise, wie der Geistliche zum Anstimmen der Melodei auffordert ([Stimme kontinuierlich anhebend] „Und jetzt singen wir ein Lied.“), erinnert mich an meine Jugend. Sonntagmittag, 12.00 Uhr, Radio DDR. „Frisch aufgespielt!“ Lustige Volksweisen zum Mittagsmahl.

Doch Essen gibt’s erst später und lustig ist es momentan auch weniger.

Jetzt wird gesungen!

Da mir als Heiden kirchliches Liedgut nicht sehr geläufig ist, nutze ich die Gelegenheit, die mir gegenübersitzende Hälfte der mehr als hundert Festgäste zu beobachten.
Dabei fällt mir auf, daß das Zusammenspiel zwischen Orgelisten und dem gemeinen Kirchsänger ein höchst diffiziler Vorgang zu sein scheint.

Entweder werkelt der Tastatör zu schnell und die Gemeinde singt hinterher oder umgekehrt. Selbst innerhalb der Stücke wechselt die tonangebende Führungsrolle. Pfiffigerweise wurden die Lieder aber derart gestaltet, daß durch eine langgezogene Silbe am Ende jeder Strophe Musiker und Stimmakrobaten wieder zueinander finden.

Und siehe, es war gut so.

Nachdem allerlei Gebete, Fürbitten und Lobpreisungen gen Himmel geschickt waren, entlässt uns der Pfarrer aus dem offiziellen Teil des Tages.

Natürlich nicht, ohne auf die Kollekte am Ausgang des Gotteshauses hinzuweisen.

Mist. Darauf bin ich nun überhaupt nicht vorbereitet. Kein Kleingeld in der Tasche (schließlich bin ich ja eingeladen) und ein Kreditkartenterminal kann ich ebenfalls nicht erspähen.

Schade für die Kirche.

Ortswechsel.

Im Garten des Gohliser Schlößchens erwarten uns bereits Sekt, Selters und zwei Dressurreiterinnen zu Pferde.

Ein speziell für diesen Tag bestelltes laues Sommerlüftchen erlaubt uns, draußen zu dinieren.
Die meisten Gäste sind mittlerweile eingetroffen, schon beginnen die ersten, die Möblierung zu modifizieren. Um die vermeintlich strenge Symmetrie zu lockern werden aus Vierertischen Minitafeln gebastelt.

Man darf dem der Platzgestaltung unkundigen Gastgeber diesbezüglich ruhig unter die Arme greifen – schließlich sollen sich die Eingeladenen wohlfühlen. Meiner unmaßgeblichen Meinung nach schickt sich derart Verhalten zwar nicht, aber wahrscheinlich bin ich da der Zeit etwas hinterher.

Steuerberater, Ärzte und anderen höhergestellte Persönlichkeiten der Privatwirtschaft werden schon wissen, wo der Hase über die Wiese rennt. Benimmregeln sind bekanntlich einem stetigen Wandel unterworfen.

Wie dem auch sei, wie bei Hochzeitsfeiern üblich werden Speis und Trank gereicht, Tauben fliegengelassen und die eine und andere Rede gehalten. Guitareros zupfen, sofern sie nicht gerade ausgiebig Pause machen und den MP3-Spieler zum Zuge kommen lassen, einen flotten Darm, während tanzende Beine (mit Körpern dran) ebenso flott über das steinige Parkett huschen.

Es zeigt sich wieder einmal, daß Frauen einen nicht zu unterschätzenden Faktor bei der Konversation bei Tisch darstellen.
Sobald sie zum gemeinschaftlichen Toilettenbesuch aufbrechen, kehrt Ruhe am Tisch ein und der die Stellung und sein Glas aus Argentinien importierter französischer Merlot haltende Mann kann sich den wirklich wichtigen Dingen des Lebens widmen.

Er sitzt und starrt sprachlos ins Feuer.

Sofern die Bedienung an die Kerzen gedacht hat.

Davon abgesehen, daß ein Großteil der Schlossbediensteten recht zeitig die Veranstaltung verließ und dadurch die Möglichkeiten exzessiven Getränkekonsums einschränkte (selbst Mineralwasser haben wir vom Nachbartisch geklaut), war es alles in allem ein angenehmer Abend.

Und wir mal wieder fast die letzten.

Aber einer muss schließlich das Schlusslicht sein.