Duftbäumchens Logbuch

mit System Anti-Verblassen

Neues aus dem Osten II

Erstellt von duftbaeumchen am Freitag 8. August 2008

Heute vor 65 Jahren

„Gorki, den 8. August 43

Liebe Lo!

Heute Sonntag überraschte mich die liebe Feldpost mit zwei Tintenpäckchen und einem Brief Nr. 52 von Dir. hab recht herzlichen dank dafür. ich wünsche nur einmal, Du könntest hier einige Tage verleben, da würde die vielleicht so manches klar werden, warum man so wenig zum schreiben kommt. Zugegeben, wenn einmal Kino oder Theater ist, dann wird die zur Verfügung stehende Freizeit damit ausgefüllt.
Hier brauchen wir nun keinen Telefondienst oder gar Wache mit zu stehen oder Wachhabenden zu machen, dodaß man die Nacht Schreiben verwenden kann. Die meiste Zeit wird hier überall mit vieler Arbeit vertrödelt, gerade heute wurde erst wieder in einem grundlegenden Befehl bekannt ge-geben:
1) Es gibt nicht eine 48-Stunden-Woche, sondern, wenn es darauf ankommt eine mindestens 84-Stunden Woche Arbeit.
2) Die Sonntagsruhe fällt fort. Es wird wie an jedem anderen Tage gearbeitet. etc.etc.
„Totaler Krieg“ – Das ist alles ganz gut und schön und wir wollen auch auf alles verzichten und arbeiten noch und noch aber damit nicht nur für den Papierkrieg, dafür ist ein 84 Stunden-Woche wirklich zu schade. Wenn wir uns gern bereit erklären eine 84 Stunden Woche einzuführen, dann muß damit auch ein sichtlicher Erfolg zu verzeichnen sein. Die Zertrümmerung unserer schönen Heimat kann einem hier draußen wirklich kopflos machen, zumal hier noch sehr viel Kameraden aus dem Rheinland sind und vom Urlaub zurückgekehrt die traurigsten Berichte mitbringen.
Hier zittert manchmal die Erde richtig von dem Kriegslärm der Front und gestern morgen von vier bis nach fünf Uhr erzitterten anhaltend die Fensterscheiben, es kam aus Richtung Smolensk war dort wahrscheinlich ein Großangriff im Gange.
Wenn hier einmal der Russe zum Durchbruch kommt, sind wir alle verloren. Auch die Partisanen werden von Tag zu Tag mehr und frecher. Die Zugangsstraßen nach hier sind meistens wegen zu großer Überfallgefahr gesperrt. Der Urlaub war schon wiedermal auf 48 Stunden gesperrt, da die Eisenbahnstrecken zu oft gesprengt waren.
Zur Zeit sind bei uns mehrere Kameraden mit Krankentransportzügen als Begleitmannschaften auf Urlaub gefahren, sodaß wir ganz schön vorwärts gekommen sind und wenn nichts dazwischen kommt, ich schon Anfang nächsten Monat fahren kann. Wenn das nicht möglch ist, dann bin ich bestimmt am Anfang Oktober mit Urlaub dran, denn ich kann nur immer am Anfang eines Monats fahren, damit ich zum Abschluß immer wieder an meinem Platze stehe.
Das hiesige Kriegslazarett ist dauernd bis unters Dach belegt, es faßt 1000 Mann und täglich gehen Transporte wieder weg und kommen wieder neue Verwundete, alle aus dem Kampfraum Orel, da wieß man erstmal, was die Kämpfen für Opfer kosten.
Seit einer Woche haben wir hier die richtige unerträgliche Augusthitze das Wasser läuft einem auch beim nichts tun nur so am Körper herunter und die fliegen und Mücken machen einem völlig fertig.
Hoffentlich erreicht dieser Brief Dich noch in Leipzig, den Du wolltest doch am 15 August in Urlaub fahren.
Habe jetzt eine Karte von der Kunstausstellung in M. erhalten und zwar von Engelhard „Die Anglerin“ ! – Dazu bedarf es meinerseits keiner anderen Worte als „Unmöglich im Zeitalter des Fotos“
Für heute die herzlichsten Grüße

von Deinem Rudolf“

______________________________________

verwandter Artikel: Neues aus dem Osten