Duftbäumchens Logbuch

mit System Anti-Verblassen

Neues aus dem Osten III

Erstellt von duftbaeumchen am Dienstag 16. September 2008

Heute vor 65 Jahren

„Leipzig, den 16.9.1943

Lieber Rudolf!

Deinen Brief vom 30.8. B.w. vom 4.9. erhielt ich heute.
Mit gleicher Post gelangten zwei Päckchen mit Sardinen an und ich bitte Dich, mir noch zu sagen, ob ich sie für Dich aufbewahren soll, oder ob sie alle für uns gedacht sind. Im letzteren Falle schon heute besonders herzl. Dank im voraus. Eine Büchse allerdings erlaubten wir uns schon heute zu öffnen. Die Not des Zubrotes war gerade einmal groß. Die restlichen Büchsen bleiben bis zu Deiner Nachricht zu.

Deinen Brief weiter zu beantworten fällt mir heute schwer, da er in meinem Innersten eine tiefe Enttäuschung hinterließ.

Du schreibst mir, daß Du in Deinem kommenden Urlaub nur einige Tage in Leipzig bleiben willst, um die nötigsten Besuche zu machen. Die restlichen 14 Tage willst Du ungestört in einem stillen Ort verleben. Ich würde wohl zu diesen Zeilen große Augen machen.
Ich glaube, die vier Jahre unseres Kennens würden größere Fürsorge um mich und tieferes Mitempfinden mit mir von Dir zum Ausdruck bringen.
14 Tage Deines kurzen Hierseins kannst Du mich alleine lassen, möglicherweise in einer gefährdeten Stadt wissen? Dann könnten ja auch meinetwegen mir die Bomben oder Phosphorregen den letzten Segen geben.
Wohin soll ich dann mit meiner Sehnsucht flüchten?
Vielleicht wendet sich alles auch zum Guten, es bleibt alles beim Alten zwischen uns. Das waren Deine letzten Worte zum Urlaub die ich ernst nahm. Ich habe mich an diesen Worten erwärmt, war wieder glücklich geworden.
Nun schneidest Du den Urlaub von vornherein ab und damit jedes Gutmachen!

Doch Rudolf, ich bin stolz genug, mein Leben auch ohne Erfüllung edelster innerster Wünsche zu leben.

Meine Briefe allerdings, werden in nächster Zeit ausbleiben, bis ich soweit bin, Dir wieder mit freiem Herzen in freundschaftlicher Art zu schreiben. Im Augenblick ist die Bitterkeit meines Herzens zu groß.

Ach noch eins möchte ich vornweg bereinigen.
Das Vorkommnis zu Deinem letzten Urlaub.
Ich war schuldlos daran, es geschah nicht aus Mangel an Liebe.
Leider hatte sich nach meiner vorangegangenen Nervenangelegenheit, später eine für mich höchst unangenehme Erscheinung bemerkbar gemacht. Ich bekam seelische Hemmungen, dessen Stärke und Art mir bis dahin fremd waren.
Möglicherweise, Du hast auch meine ansich veränderte Art bemerkt. Obgleich ich mich stark dagegensetzte, konnte ich mich diesen Erscheinungen damals nicht erwehren. Sexuale Hemmungen sind dann fast bedingt. Späterhin las ich in meinen Büchern über solche Vorgänge nach.

Es ist mir wie ein böser Traum in dem ich Dir solch einen Brief schreibe, doch mich nicht wieder innerlich hin und her zu werfen, halte ich das Beste, Klarheit zwischen uns zu schaffen.

Das Leben wird hier weiter rollen. Was aus unserem Geschäft und somit auch aus uns nur wird, steht noch nicht ganz fest. Es ist mir auch völlig gleichgültig.
Nur gut, daß ich mich bereits anmeldete und in Kürze Lateinprimaner sein werde; es wird mir hoffentlich Ablenkung schenken.

alles Gute für die Zukunft
und frdl. Grüße
von Lo.

Mit Deiner letzten Zulassungsmarke sende ich Dir eine Flasche Tinte und den neuesten Katalog der Münchner Kunstausstellung.“

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3 Kommentare zu “Neues aus dem Osten III”

  1. zoee sagt:

    das ist ja rührend!

  2. duftbaeumchen sagt:

    Nicht wahr. Aber so ganz richtig endgültig Schluss war trotzdem nicht.

    Bleiben Sie aufmerksam.

  3. zoee sagt:

    selbstverständlich!