Duftbäumchens Logbuch

mit System Anti-Verblassen

Neues aus dem Osten V

Erstellt von duftbaeumchen am Mittwoch 26. November 2008

Heute vor 66 Jahren

„am 26. Nov. 1942

Liebste gute Lo!

Ich fühle mich schwer in Deiner Schuld, denn, wie ich Dir schon in meinem vorhergegangenen Schrieb sagte, ist viel Post von Dir eingegangen. Es ist nicht mehr geworden u. daß fand ich in dem Falle ganz gut, sonst würde mich ja mein Schuldbewußtsein noch mehr quälen.
Was Du mir da von Klein Wolfgang berichtest, war ja nicht gerade erfreulich, doch scheint ja der schlimmste Augenblick schon überstanden zu sein.

Heute möchte ich nun vor allendingen etwas näher auf Deinen letzten Schrieb Nr. 146 eingehen. Du streifst darin die neuen politischen und Kriegsereignisse, die in gewissem Sinne einen Einfluß auf unsere Urlaubsfrage haben aber auf die Frage der Kriegsentscheidung mit Rußland sind sie von größter Bedeutung, den[n] der Sieg in Rußland wird nicht im Lande selbst errungen, dazu ist das Land viel zu groß und würde die weitere Besetzung viel zu viel Mannschaften binden, die wir dafür nicht übrig haben.
Nach meiner Auffassung wird die Entscheidung in Afrika ausgetragen werden, wenn nicht sogar für den gesamten Krieg als Hauptentscheidung. Was ist unser Urlaub schon gegenüber dem großen Ziele des Gelingens, denn wenn uns das Ziel nicht siegreich beschert wird, dann ist unser aller Leben besiegelt. Trotz alledem ist es natürlich ein großes Pech, wenn man den Urlaub so kurz vor dem Antritt gestrichen bekommt, aber man kann ja doch nicht dran ändern, sondern muß sich in alles fügen und dankbar sein, wenn man gesund ist und bleibt. Heute nun kam wieder vom Batl. [1] eine Anfrage und Abgabe einer Meldung aller derjenigen Mannschaften, die 1 Jahr nicht auf Urlaub waren, nach dem Stichtag vom 1.12.42. da kam die Zahl 23 heraus und man dürfte gespannt sein, was danach folgen wird.

Man munkelt von einer besseren Zuteilung, jedoch glaube ich nicht einer von denen zu sein, um evtl. noch Weihnachten in der Heimat verbringen zu können. Es ist bei mir ja nur möglich am 5. eines jeden Monats zu fahren, da ich ja zum Abschluß wieder da sein muß. Man müßte mich demzufolge vorverlegen und das wird man wohl nicht zulassen, so daß man eher am 5. Januar 43 rechnen kann, wenn es dann nochmal welche geben sollte und wenn es überhaupt welche gibt. Kommt aber mal eine so höfl. Anfrage vom Batl., dann sieht man schon einen größeren Stapel Urlaubskarten liegen und macht sich nun schon freudige Gedanken. Wie sage ich immer:“ Lassen wir uns überraschen!“ Gut Holz!

Und nun mein gutes Mädel! kommt mal noch eine andere Sache zur Sprache, und zwar was unsere Pimserei [2] betrifft. Du kannst Dir denken das in den Reihen der Kameraden auch allerhand bedenkliche Gerüchte herumgehen und einer immer mehr wissen will als der andere, genau wie auch auf allen anderen Gebieten. Nun in erster Linie ist es mal unser neuer Chef, der eben eine militärischere Einstellung hat und aus unserem Sauhaufen eine aktive Truppe machen möchte und dabei aber vergißt, daß auch viel ältere Leute und viel behinderte jüngere Leute darunter sind, denn es ist bald unverantwortlich, was für Leute man manchmal zu uns schickt und an der Front behält und trotzdem die Truppe vor so verantwortliche Aufgaben stellt. So haben wir hier einen Menschen mit epileptischen Anfällen, einen, der mit einem schweren Magenleiden schon aus dem zivilen Leben behaftet ist und seit der Gründung des Batl. hier ist und immer nur mal einige Tage Dienst tut um sich dann auf Wochen wieder krank melden muß.

Daß bedeutet, daß sich dieser Mensch erst mal noch völlig krank macht und zum anderen der Truppe so gut wie gar nichts nutzen kann. Dann wieder ein anderer hat eine einseitige Lähmung und tatsächlich gerade beim Schießen keine Gewalt über das Gewehr hat, sodaß dabei schon bald die tollsten Sachen passiert wären, wenn es nicht umsichtige Vorgesetzte vorzeitig bemerkt und vermieden hätten. Diverse Kameraden, bei denen man an ihrer geistigen Zurechnungsfähigkeit zweifeln könnte und im Dienst völlig versagen. Jetzt kam ein Uffz. [3] aus dem Laz. [4] und war auf 3 Monate ja Monate für inneren Dienst geschrieben, ja was sollen wir denn mit solch einem Menschen hier. Das man bei solch einer Zusammensetzung keine aktive Truppe heranbilden, sieht man vom grünen Tisch aus natürlich nicht. Das zweite Grundübel aber ist, daß man den Leuten auch den Mut, sich etwas aufzuraffen noch durch doppelte Beanspruchung nimmt, am Tage möchten sie ge[???] werden oder Streifeneinsätze machen und Nachts ihren Wachdienst versehen. An jeder Ecke fehlt es an Leuten, dieser Zustand verpflichtet zu doppelter Dienstleistung. Täglich kommen neue Anordnungen, daß man manchmal die Hände über den Kopf zusammenschlagen möchte, einmal über den Papierkrieg und zweitens über die gewaltige Anforderung an die Truppe bei dem vorhandenen Leutemangel.
Auf der einen Seite löst der neue Batl.Chef das vorhandene Offizierskasino auf um auf der anderen Seite ein Offiz.zimmer zu eröffnen, also mit anderen Worten er hat nur die fremden Offiziere entfernt und jetzt sitzen nur die Herren der eigenen Einheit zusammen. Wir hatten doch eine Lichtmaschine, die mit Benzinantrieb lief, da aber die Einsparung von Benzin immer strenger betrieben wurde, mußte die Benutzung unterbleiben, sodaß wir uns nur mit Lichtern und Karbidlampen beleuchten müssen und dieses gibt es aber auch nur in beschränkter Zahl. Reitstunden der Offiziere hat der Batl.Chef eingerichtet und zu dem Zwecke werden dieselben mit dem Wagen aus bis zu 30 km Entfernung abgeholt und das Benzin verfahren.

In allen Stuben und Wachlokalen prangen die Schilder: „Was würde der Führer dazu sagen!“
Schade das er so verschiedene Gegenmaßnahmen seiner Anordnungen nicht sehen kann und uns für unsere Leiden unzugänglich ist. Bis er wieder mal selbst los fährt und selbst nach dem Rechten sieht. Es ist bedauerlich, daß ob seiner großen Aufgaben auch noch um solche Dinge kümmern müßte. Schon früher deutete ich mal darauf hin, man müßte wie in den Betrieben die Betriebsobmänner so auch beim Militär Vertrauensmänner haben, die derartige Verfehlungen überwachen zur Anzeige bringen müssen. Der Russe hat solche Komissare in den Reihen seiner Soldaten und das wäre bei uns bitter nötig, vorallendingen in den Besatzungstruppen und Sicherungsregt. [5], damit würden die Verfehlungen ausgeschaltet und die Schlagkraft unserer Wehrmacht so mehr gestärkt und sichergestellt und Anstrengungen die gemacht werden um dem Krieg ein siegreiches Ende zu geben sichergestellt und mit bedeutend weniger Verlusten und Zeit herbeigeführt. Die Mannschaften sind zum hohen Prozentsatz gut und willig und bei leuchtenden und korrekten Vorbildern die Truppe mit dem Geist wie sie sich der Führer wünscht und von Platon im Staat verherrlicht werden.
Wenn man so alles zusammen nimmt, was man als kleiner Soldat so alles sieht und erlebt und könnte es an maßgebender Stelle bekanntgeben, was würde damit schon alles erhalten und dem Volke und der Truppe zu Gute kommen und für eine Arbeitskraft erhalten bleiben und letzten Endes den Sieg schneller und sicher herbeiführen. Man brauchte bloß in jede Komp. [6] einen der alten SS Garde einzusetzen der seine Beobachtungen berichten könnte wodurch ja die Echtheit der Angaben dokumentiert wäre.
Der Geist und auch das Wohl der Truppe sowie der Bevölkerung wäre noch besser und der baldige Sieg garantiert.
Trotz eines gerechten Empfindens ist es aber einem als einfacher Soldat und NichtP.G.[7] unmöglich solche Eingaben zu machen, ja man läuft noch Gefahr als ein Meuterer und Aufwiegler verschrien zu werden und sich Zeit seines Lebens unglücklich zu machen.

So und nun aber mal für heute Schluß! Und den Optimismus wieder vor die Front gestellt. Einmal bin ich doch mit urlaub wieder dran, wenn es die Aufgaben zulassen und der Winter stellt ja gerade in Rußland große Aufgaben, daß merkt man erst wenn man hier draußen steht.

Für sei tausendmal gegrüßt von Deinem

Rudolf

und wenn in der Urlaubsfrage noch ein günstiger Bescheid kommen sollte, dann erfährst Du davon sofort.“

_________________________

[1] Batl.= Bataillon
[2] Pimserei=rheinisch für weinerlich, in diesem Zusammenhang vermutl. für „sich ausheulen“, „mal Dampf ablassen“
[3] Uffz.=Unteroffizier
[4] Laz.=Lazarett
[5] Sicherungsregt.=Sicherungsregiment
[6] Komp.=Kompanie
[7] P.G=Parteigenosse

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4 Kommentare zu “Neues aus dem Osten V”

  1. Ebola sagt:

    Sehr Eindrucksvoll – auch seine ß-ss Schwäche.

  2. duftbaeumchen sagt:

    Selbst Kommata waren damals Mangelware.

  3. zoee sagt:

    immer wieder hoch interessant.

  4. duftbaeumchen sagt:

    Doch leider ist von diesem Schriftwechsel nicht viel erhalten geblieben.