Duftbäumchens Logbuch

mit System Anti-Verblassen

Neues aus dem Osten VI

Erstellt von duftbaeumchen am Samstag 7. Februar 2009

Heute vor 66 Jahren

„am 7. Februar 1943

Liebe Lo!

Heute endlich finde ich mal Zeit Dich auch mit einem ausführlichen Brief zu bedenken.
Bei meiner Rückkehr fand ich nun noch 2 Briefe Nr. 161 und 162 vor und danke Dir für Deine verfaßten Begrüßungsworte. Inzwischen hat sich nun am politischen Kriegshimmel allerhand neue Erscheinungen gezeigt. Meine böse Ahnung von Stalingrad hat sich nun auch bewahrheitet und diese Niederlage wird wohl die Ursache sein, daß man jetzt mit aller zur Verfügung stehenden Macht einen Endkampf auf Biegen und Brechen herbei führen will. Sicherlich sind doch noch irgend welche tieferen zwingenden Gründe vorhanden. Die eingeleiteten Maßnahmen lassen wenigstens auf den Endkampf schließen, denn ein Dauerzustand kann es unmöglich sein.

Hier heißt es nur den festen Willen des Gelingens zu haben, andererseits wäre es ja nur unser vollständiger Untergang.

Am Sonntag den 31. Januar 1943 bin ich also wie ein Kohlentrimmer hier gelandet. In Halle hatte ich meinen ursprüngl. Zug über Eilenburg-Düben nicht erreicht und mußte nach Berlin. In sausender Fahrt erreichten wir es auch in 1 1/2 Stunde und mit der Untergrund und s Bahn ging es rüber nach dem Schles. Bahnhof, wo auch schon unser Zug ein normaler D-Zug stand. Überfüllt bis dahinaus stand ich bis Polen im Gang eines ersten Klassewagens und in P. stiegen einige Zivilreisende aus und mein Rudolf rin und niemand hat mit rausgeangelt. So hatte ich bis Bialystok eine angenehme Fahrt, was wir am nächsten Tag Mittags gegen 1 Uhr erreichten. Ein gleich bereitstehender Zug brachte uns dann an 1 1/2 stündiger Fahrt bis nach Wolkowisk und hier hieß es raus in ein bereits völlig überfülltes Urlauberlager. Hier haben wir nun so 1 1/2 Tage bald herum gesessen und gestanden, ohne nur etwas schlafen zu können. Das graue Elend nahm ein gleich wieder fest in seine beiden Arme und ließ einen nicht wieder los. Am nächsten Tag nachts 24 Uhr war endlich ein Zug für uns bereit und wir hatten die Schnauze voll als wir bei der herrschenden eisigen Kälte einen Güterzug erblickten. 40 Mann in einen Wagen rin und durch das Gepäck herrschte eine ziemliche Enge. Ein kleiner Ofen stand in der Mitte und zu beiden Seiten Bänke die man aber nur durch übersteigen belegen konnte. Die Kohlen waren nur in den Wagen reingeschüttet worden und wanderten nun durch das federlose Geratter des Wagens in demselben in alle Ecken herum, so daß man völlig auf Kohlen stand und durch das unvermeidliche Hin und Her während einer so langen Fahrt beim Übersteigen die Kohlen überall hin schleppte. Eine Kohlenschaufel war ja auch ein Luxusgegenstand und das Nachlegen des Ofens mußte mit den Händen geschehen. Alles schaarte sich um den Ofen, denn nur da war etwas von Wärme zu spüren und die ihm abgekehrte Seite war eisig kalt. Durch verschiedentliches Blockieren der Bremsen geriet unser kleiner Wärmespender ins Wanken und stürzte den darum sitzenden in den Schoß und dann zu Boden. Rauch und Aschestaub waren neue Anwohner des Wagens geworden und gaben uns noch die nötige Patina. Einige Kameraden erhielten noch dazu erhebliche Brandwunden, denn nur entschlossenes Zufassen konnte immer nur weitere Brandgefahren verhüten. Das ich so unter diesen Umständen unseren Haufen nur wie ein Kohlentrimmer erreichte, kannst Du Dir wohl vorstellen.

Und nun ist man wieder drinnen im alten Trott und durch den angesagten totalen Krieg in verschärftem nervösen Maße von Seiten der Vorgesetzten aus. Ruhe ist hier ganz klein geschrieben und man kommt sich bald vor wie in einem Irrenhaus.

So und nun mal Schluß für heute, ich will Dich auch erstmal zu Worte kommen lassen, denn von meinen anderen Bekannten habe ich schon Post erhalten.

Herzl. Gruß auch an die Eltern und Künstler

Dein Rudolf

 

Heute Sonntag war mal etwas Ruhe und meinen Abschluß habe ich gestern abgegeben. Da konnte ich mit etwas Andacht meinen Streuselkuchen verzehren.

Der war ganz groß und nochmals herzl. Dank.

Den Film von unserer Weihnachtsfeier kannst Du mir bitte mal mit herschicken“

 

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Ein Kommentar zu “Neues aus dem Osten VI”

  1. Ebola sagt:

    Zwei ganz tolle Worte in diesem Brief sind «Urlauberlager» und «Irrenhaus«.