Duftbäumchens Logbuch

mit System Anti-Verblassen

einarmiger Bandit

Erstellt von duftbaeumchen am Montag 25. Mai 2009

Tja, man könnte doch mal am Samstagabend mit dem Riesenrad fahren, dabei ein paar Fotos vom illuminierten “Messegelände” schießen und das Höhenfeuerwerk bewundern.

Man könnte auch den seit mehreren Wochen anberaumten Termin zur Körperertüchtigung im Rahmen der sonntäglichen LVZ-Fahrradtour wahrnehmen.

Man könnte aber auch…

… knapp sechs Stunden in der Notfallambulanz auf für diese Zeitdauer völlig ungeeigneten Holzstühlen verbringen.

Ich entschied mich für letzteres.

Wer soll denn auch ahnen, dass am Wochenende nur morgens zwischen sechs und acht mit relativ kurzen Wartezeiten zu rechnen ist. So die Aussage einer rosabekittelten Ambulantin.

Und dafür kassieren die auch noch zehn Euri – zuzüglich der Eigenbeteiligung für diverse Medikamente und Nachtbereitschaft der Apotheke am anderen Ende der Stadt.

Tja, und so sitze ich nun zu Hause, habe erst mal ‘ne Woche frei und jammere schmerzlich in mich hinein, weil sich die rechte Schulter nur noch widerwillig zu ordnungsgemäßer Funktion überreden lässt.

Tendinitis calcarea.

Einen Termin beim Spezialisten gibt es selbstverständlich auch erst in zwei Wochen; meine Hausärztin überlässt mir aber derweil einige ihrer Ultraschallwellen. KOSTENLOS!

Doch auch kostenlos (wenn man von der Praxisgebühr absieht) hat seinen Preis:

Als ich die Schwester zu äußerster Vorsicht bei der Behandlung des Gelenks ermahne, schlug sie vor, ich könnte das doch auch selbst machen.

Klar. Als polytechnisch vorbelasteter Ex-DDR-Bürger sehe ich mich dazu voll in der Lage und überstreiche schließlich eigenhändig und sanft die bewusste Stelle mit dem metallenen Instrument. Hoch, runter, mal linksrum kreisend, mal rechtsrum. Immer darauf achtend, dass die kleine grüne, den ordnungsgemäßen Kontakt zwischen Stahl und Haut signalisierende Lampe nicht leuchtet.

“Wenn’s piept, eile ich sofort herbei.”

Nach zehn Minuten piept’s. Mehrfach.

Inzwischen nehme ich mir eines der Papiertücher und lege es vorsichtig auf die gelbenetzte, glitschige Schulter. Mit einem zweiten säubere ich den Ultraschallkopf, um ihn gereinigt der “Kopfstation” zuzuführen. Ich hätte selbigen auch erst mal auf der Hose ablegen können, aber Glibber am Stoff ist nun auch nicht der große Reißer.

Die Schwester eilt herbei. Von hinten. Und – die älteren unter den Lesern kennen das noch aus der mit-einem-Wisch-ist-alles-weg-Werbung von Zewa – fährt ganzhandflächig, das Tuch erfassend kraftvoll über die Schulter, um das Kontaktmittel zu entfernen.


Ein Schrei erleuchtet akustisch die Räumlichkeiten.


Mein Schrei.

Sofort lässt sie von mir ab und entschuldigt sich mehrfach, was die schmerzliche Situation jedoch nicht wirklich entschärft.

Andererseits kann der Schmerz nicht noch viel größer werden als er es vorher schon war. Ich spreche sie also von allen Sünden frei und beeile mich so gut es geht, mein Gewand überzuwerfen und die Praxis zu verlassen.

Nach Hause.

Einen transportablen Zaun bauen. Für morgen. Wenn ich wieder hin muss.

—–

Wenn ich die vergangenen zwei Tage Revue passieren lasse, darf ich abschließend konstatieren:

1. Derart schwierige Krankheitsverläufe treten meistens am Wochenende, frühestens jedoch am Freitagabend ein.

2. Die Aktion “Notambulanz” war eigentlich umsonst! Es ergab sich im nachhinein, dass die Herzdame bereits die gleiche Art der mir verschriebenen Schmerzhemmer mit in die Beziehung eingebracht und heimlich in der “Medibox” versteckt hatte. Die heißen zwar anders, aber es ist das gleiche drin. Selbst die Beipackzettel gleichen sich im Wortlaut. Der Vorrat sollte nun bis ins Jahr 2015 reichen.

3. Notaufnahmen sind grundsätzlich unterbesetzt.

4. Zur Reduzierung des einer Begutachtung harrenden Patientenbestandes schlage ich vor, ab und zu Laiendarsteller oder Ein-Euro-Jobber in blutbespritzten Kitteln und mit noch tropfender Knochensäge durch den Warteraum zu schicken. Dadurch könnten sich lebensbedrohliche Leiden schlagartig in leichte, durch einfache Hausmittel zu kurierende Schnupfen verwandeln.

5. Die Diagnose entsprach genau meinen Vorhersagen.

6. Zwischen Röntgen und anschließender Zweitbegutachtung vergeht mindestens eine weitere Stunde.

7. Linkshändige Körperpflege ist sehr beschwerlich und die Enthaarung des rechten Axels nur mit Tricks möglich.

8. Die Herzdame hat tapfer aus- und mir fürsorglich die Hand gehalten.

9. In ca. drei Jahren ist wieder die linke Schulter dran; bis dahin reichen die Tabletten in jedem Fall.

10. Auf dem Südbalkon unter dem Schirmchen in der Sonne sitzen ist auch ganz nett.

10 Kommentare zu “einarmiger Bandit”

  1. spontiv sagt:

    Nu haben se sich doch nicht so! Das bisschen Aua!

    Trotzdem: gute Besserung!

  2. duftbäumchen sagt:

    Deswegen jammere ich ja auch nur still vor mich hin.

  3. Hr. Süßleber sagt:

    Also “mein” kleiner Schwerkranker LuBi,
    ich kann völlig nachvollziehen in welcher SCHWEREN, ERNSTHAFTEN Lage Du Dich befindest!! Jede Sekunde nach Bekanntwerden Deines Leidens, habe ich mit Schrecken an Dich denken müssen….

    Und habe Angst, wenn ich in Deinem Alter bin, was ja nicht mehr soooo extrem weit entfernt ist!!

    Aber 2010 ist ja auch noch ein Rad-Fest!!

  4. Aquii sagt:

    Weichei ;)

  5. zoee sagt:

    dann wünsche ich gute besserung. du musst dich ja ganz, ganz, ganz, ganz schrecklich hilflos fühlen!

    wo wohnst du eigentlich genau?

  6. duftbäumchen sagt:

    @Aquii

    Ich weiß das, kann aber nichts dagegen tun. Ich bin eben ein richtiger Mann.

    @zoee

    Ich BIN schrecklich hilflos.
    Dafür, dass Du mir schon mal ‘ne Schneckenpost geschickt hast, bist Du aber trotz Deiner jungen Jahre schon ganz schön vergesslich. Du willst Dich wohl als Pflegeschwester (kurzer Kittel, weiße Netzstrümpfe, high heels – also das, was eine typische Krankenschwester eben typischerweise so trägt) verkleiden, mich besuchen und den Haushalt machen?

    Da wird sich die Herzdame aber freuen.

  7. Herzdame sagt:

    Das werde ich mir überlegen, ob mir das gefallen würde.

    Also die Sache mit dem Haushalt würde mir schon gefallen, aber die Verkleidung muss ja nicht sein.. ;-)

    Aber sonst ist Frau Zoee natürlich gerne willkommen.

  8. zoee sagt:

    der kurzvergessliche bist ja wohl du krankbäumchen. ich hatte lediglich deine büroadresse.

    @herzdame: wenn ich mal in der nähe bin, komme ich gerne unverkleidet vorbei. danke schön! und hamburg ist ebenfalls offen für euch! :)

  9. Ebola sagt:

    Gib’s zu, du wolltest nur wallraffen! Wahrscheinlich erscheint bald ein neues Buch, Ambulanz … oder das Warten auf dem verholzten Stuhl.

    .
    (gutste besserung)

  10. duftbäumchen sagt:

    @zoee
    Ja, ja, hack’ nur auf mir rum. Ich kann man mich ja auch nicht wehren.
    Dass Du michuns unbeverkleidet besuchen möchtest, lässt jedoch das Gute in Dir erkennen.

    @ebola
    Seeehr schön, der Herr!! Nun hast Du’s vermasselt. Jetzt kann ich die Sache vergessen.
    Weißt Du, warum Wallraffs Bücher so erfolgreich waren/ sind? Weil NIEMAND, ich wiederhole NIEMAND, vorher etwas verraten hat.

    Und nun?

    Toll. Seeehr toll, Herr Ebola!

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