Wie fühlt man sich, wenn mehrere zehntausend Menschen in einem nicht enden wollenden Strom an einem vorrüberziehen? Wie fühlt man sich, wenn viele derer stehenbleiben, über Sinn und Aussage der als lebende Statuen in Regungslosigkeit verharrenden Figuren nachdenken und diese von allen Seiten begutachten? Wie fühlt man sich, wenn man selbst eine dieser Figuren ist? Stumm, den Blick starr in die Menge gerichtet, in der Bewegung eingefroren.
Ich weiß es nicht.
Doch ich weiß, wie ich mich fühlte, Teil dieses Stroms zu sein.
2009. Oktober. Der neunte.
Zwanzigster Jahrestag der ersten großen Leipziger Montagsdemonstration im Rahmen noch größerer gesellschaftlicher Umwälzungen.
Es ist schwer, das wiederzugeben, was sich am Freitagabend in der Leipziger Innenstadt abspielte.
Gigantisch. Wer das verpasst hat, hat etwas verpasst.
Die Presse schrieb von mehr als einhunderttausend Menschen, die dem Aufruf zur friedlichen Demonstration zum Gedenken an dieses historische Ereignis folgten. Das waren mehr als 1989, als sich “nur” rund 70000 (in Worten siebzig Tausend) vom damals noch Karl-Marx-Platz heißenden Augustusplatz in Bewegung setzten.
Alte und Junge; Menschen, die sich bewusst an die Ereignisse vor 20 Jahren erinnern können und Menschen, die heute gerade mal 20 Jahre alt sind und, wenn überhaupt, nur bruchstückhaft über die Geschehnisse informiert sind.
Begleitet von die Köpfe übertreichenden Suchscheinwerfern, von Marschmusik, von über Lautsprecher wiedergegebenen Befehlen für die Mitarbeiter der Schutz- und Sicherheitsorgane der damaligen DDR. Während es an der “runden Ecke” kleine Kärtchen mit Namen inoffizieller Mitarbeiter regnete, sprach Erich Honecker zum volk.
Zwanzig Licht- und Kunstinstallationen säumten den Weg der Passanten bzw. ließen sich von ihnen umströmen.
Mit Kamera und allerlei Zubehör bepackt strömte ich mit.
In diesem Fluss “mitzuschwimmen”, Gesprächsfetzen von damals Dabeigewesenen aufzuschnappen und die Kraft der Masse zu erleben, empfand ich erhebend und zeitweise beklemmend zu gleich.
Durch den aus vorwiegend tiefen Tönen generierten Klangteppich am Hauptbahnhof – ergänzt durch nicht ortbares Hubschraubergeräusch aus der Luft – verstärkte sich sogar stellenweise eine Art Angst. Die Dunkelheit des Abends, flackernde, undefinierbare Lichtwände am Bahnhofsgebäude und die unüberschaubare, nicht abreißende Demonstrantenschlange ließen beim besten Willen keine Volksfeststimmung aufkommen.
Es fällt mir schwer wiederzugeben, was mich am Freitagabend berührte. Da waren stellenweise nur kurze Momente. Da, wo der Magen gegen das Herz drückt.
Und gleichzeitig die Freude, dabeigewesen zu sein.
Phänomenal.