Duftbäumchens Logbuch

mit System Anti-Verblassen

Kolbenfresser

Erstellt von duftbaeumchen am Donnerstag 24. Dezember 2009

(anstatt einer Weihnachtsgeschichte)

Wisst ihr noch? Damals? In den Siebzigern des vergangenen Jahrtausends? Im Ungarnurlaub…?

Kürzlich kam die elektrische Post mit einem kleinen Zeitzeugnis, welches Erinnerungen an frühe Kindheitstage aus den Tiefen meines mit Wissen nur so vollgestopften Hirns an die Oberfläche zog.

Es ist zwar nicht mehr viel hängengeblieben, doch die wenigen Eindrücke möchte ich hier niederlegen, damit ich in zwanzig Jahren, wenn ich der Altersenilität verfallen bin, nachschlagen und mich erinnern kann.

Ungarn.

Den Flug nach Budapest (mein allererster überhaupt) überstand ich, ohne in der Luft zu schwindeln. Ich guckte aus dem Fenster und mich in der Kabine um, ich aß und trank; kaum waren wir abgehoben, schon berührten die Flüglerfüße den magiarischen Boden. Die Freude über die erfolgreiche und komplikationslose Landung war aber offensichtlich so groß, dass mir während des Ausrollens dann doch das karge Mahl noch mal durch den Kopf ging. Es kann aber auch sein, dass die neuen Reiseeindrücke während der Luft-Fahrt so überwältigend waren, dass mein Kopf in luftdruckärmeren Sphären zu stark beschäftigt war und ihm keine Gelegenheit blieb, Gedanken an Übelkeit und Magendruck zur Verfügung zu stellen. Am Boden entluden sich schließlich die Emotionen in einem Schawall von …. Naja, lassen wir das.

Wir waren da. Vorerst in Budopäschd.

Damals reisten wir noch „zu Fuß“, mussten also öffentliche Verkehrsmittel nutzen.
Die Zeit bis zur Weiterfahrt mit der Eisenbahn um Null Uhr fünfunddreißig (manche Nebensächlichkeiten vergisst man wohl nie) überbrückten wir in der Stadt an der Donau, spazierten durch die infolge spontan einsetzender Dunkelheit mittlerweile bunt beleuchteten Straßen und begutachteten die Auslagen in den Schaufenstern. Speis und Trank nahmen wir ebenfalls zu uns.

Seltsam: Je intensiver ich darüber nachdenke, desto mehr Einzelheiten kann ich ausmachen.

Die ungarische Bekannte einer der mitreisenden befreundeten Familien begleitete uns dann noch bis zum Zug und – und das fand ich damals irgendwie schick – erklärte mir in gebrochenem Deutsch, dass man die Frau auch mit „Küss die Hand“ grüßen bzw. verabschieden darf. Alte kaiserlich-österreichische Schule eben.

Nach einer Fünf-Stunden-Fahrt auf hölzernen, nicht sonderlich bequemen Bänken erreichten wir dann einen kleinen Ort am Plattensee.
Draußen roch es nach feuchtfrischer Morgenluft, Müdigkeit steckte in den Knochen und die Koffer hatten noch keine Räder.

Wir verbrachten den Sommerurlaub in Balatonmáriafürdo, am südwestlichen Ufer des Balatons, in der Vilma Utca Nummer 14. Ein kleiner Ort ohne nennenswerte Sehenswürdigkeiten; ganz auf Urlauber aus dem In- und Ausland eingestellt.

Wir wohnten im Rudel.
Die Eigentümer des für mehrere Kleinstfamilien geeigneten Hauses vermieteten ihr Heim in den Sommermonaten und wohnten derweil in einer Art Gartenlaube gleich nebenan am Rand diverser Gemüsebeete. Wilder Wein umrankte die kleine Sitzecke der unverständliche Worte artikulierenden Laubenbewohner und warmer Wind zog durch die mit hölzernen Fensterläden abgedunkelten Zimmer. Wir wuschen uns in einer porzellanenen Wasserschüssel bzw. gingen ausreichend oft im Balaton baden. Langos, Kesselgulasch und Paprikahuhn sicherten für zwei Wochen unser Überleben.

Der Rückweg in die Heimat führte uns dann noch mal nach Budapest.

Wir wohnten für ein, zwei Tage zur Untermiete bei einer alleinstehenden Eingeborenen.

Und genau diese ältere Dame ist für eine meiner vielen kleinen Lebensmacken verantwortlich, mit denen ich mich ständig rumärgern muss.

Da sich meine Eltern gemeinsam mit dem Rest der Mitreisenden einen „schönen Nachmittag“ im damals weltbekannten Gellert-Bad machten, ich dafür noch „zu klein“ war und mir der Einlass verwehrt wurde, so durfte ich – schließlich war ich ja „schon groß“ (haha) – einige Stunden allein in der Unterkunft verbringen.

Allein mit der Eingeborenen.

Das war insofern nicht besonders schlimm, da wir die Sprache des anderen sowieso nur unzureichend bis gar nicht verstanden und uns deshalb auch nicht großartig unterhalten mussten. Ich schaute aus dem Fenster bzw. beschäftigte mich anderweitig.
Währenddessen ging die Herbergsmutter ihrer gewöhnlichen Hausarbeit nach und bereitete unter anderem eines der wie ich vermute ungarischen Nationalgerichte zu.

Gedünstete Maiskolben.

Um mir eine kleine Freude im Einerlei des Nachmittags zu bereiten, stellte sie mir einen der noch dampfenden Kolben hin.

Das roch irgendwie seltsam.

Und schmeckt noch seltsamer.

Der Genuss körnigen Maises war mir bis dato nicht sehr geläufig. Langsam und nach kurzer Zeit widerwillig nagte ich am unbekannten Gemüse. Ich kaute und kaute und kaute und seltsamerweise wurden die Maiskörner überhaupt nicht weniger. Schlimm, das.

Sowas brennt sich ein; je kleiner das Gehirn, desto stärker.

Mir ist nicht mehr erinnerlich, ob ich mich damals bis zum letzten Korn durchgeknabbert habe, ich weiß nur, dass mich auch heutzutage beim Anblick nagender Zeitgenossen statt Heißhunger auf die gelben Kolben eher ein spontanes Sättigungsgefühl überkommt. Hingegen stellt das Gemüse in Murmelform überhaupt kein Problem dar. (*) Seltsame Sachen gibt’s.

Ein Erlebnis, welches mich zwar nicht grundlegend an meiner Lebensführung hindert, aber trotzdem einschneidend genug, um es auch in fünfzig Jahren nicht vergessen zu haben.

Falls ich dann noch lebe.


(*) Das ist wie mit Tomaten – Reinbeißen in die Frucht geht ja gaaar nicht, aber zerschnibbelt als Salat erfreuen sie mindestens einmal in der Woche meine Geschmackszipfelchen.

Ein Kommentar zu “Kolbenfresser”

  1. Kfeld-United sagt:

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